Kirche in Schleswig-Holstein

Das Territorium

Für die kirchenpolitische Entwicklung in den Herzogtümern Schleswig und Holstein ist die seit 1460 bestehende enge Bindung an das dänische Königtum zu beachten. Ferner ist zu berücksichtigen, dass das zu Schleswig gehörende Gebiet auch die südlichen Teile Jütlands umfasste.

Neben Holstein und Schleswig stellen insbesondere Dithmarschen und das Herzogtum Sachsen-Lauenburg historische Gebilde mit kürzeren bzw. längeren Phasen der Selbständigkeit dar.

Zudem muss bedacht werden, dass es durchaus Unterschiede der Entwicklungen in diesen Gebieten gab, die hier aber nicht im Einzelnen dargestellt werden können.

Fotos v.l.n.r.: Schleswiger Dom mit Außenansicht, Brüggemann-Altar, Lettner (Bereich für das Lesepult) und Dreikönigsschrein.

Reformatorische Veränderungen

Reformatorische Tendenzen machten sich seit den 1520er Jahren in einigen Regionen Schleswig-Holsteins bemerkbar, führten jedoch erst in einem längeren Prozess zur Einführung der Reformation.

Der gewaltsame Tod der reformatorischen Predigermönchs Heinrich von Zütphen (geb. um 1488), der 1524 in Heide verbrannt wurde, bildet eine Ausnahme in den eher ruhig verlaufenden Auseinandersetzungen um den alten und den neuen Glauben.

1542 wurde auf dem Landtag in Rendsburg die von Johannes Bugenhagen (1485–1558) ausgearbeitete Kirchenordnung als Zeichen der Einführung der Reformation in den Herzogtümern angenommen. Die meisten klösterlichen Gemeinschaften wurden aufgelöst.

Nur einige Frauenklöster blieben durch ihre Umwandlung in evangelische Damenstifte erhalten und standen den weiblichen Angehörigen des ritterschaftlichen Adels offen. Hierzu gehören die heute noch bestehenden Stifte in Itzehoe, Preetz, Schleswig und Uetersen.

Durchsetzung der lutherischen Orthodoxie

Bereits im 16.  Jahrhundert hielten sich an einigen Orten der Herzogtümer täuferische Gruppen und einzelne Spiritualisten auf. Der enge wirtschaftliche Austausch vor allem der Westküstenbewohner mit den Niederlanden führte dazu, dass von dort vertriebene Personen Zuflucht in Schleswig-Holstein suchten.

Mitglieder der Mennoniten, eine nach Menno Simons (1496–1561) benannte täuferische Gruppe, ließen sich vornehmlich in der Nähe von Oldesloe nieder.

In Flensburg kam es 1529 zu einer theologischen Debatte zwischen dem Laienprediger Melchior Hoffmann (um 1495–1543) und Vertretern des lutherischen Flügels der Reformation mit Bugenhagen an der Spitze. Hoffmanns Verständnis der Bibel und des Abendmahls, vermischt mit apokalyptischen Hoffnungen, wurden verurteilt. Er musste die Herzogtümer verlassen.

Im 17. Jahrhundert, in dem landesherrliches Kirchenregiment und die Ausbildung der lutherischen Lehre ihre größte Reichweite entfalten konnten, standen in Schleswig-Holstein ein bzw. zwei Generalsuperintendenten an der Spitze der kirchlichen Organisation. 

Stephan Klotz (1606–1668) und Josua Schwarz (1632–1709) sind zwei dieser einflussreichen lutherischen Geistlichen, die das konservative Luthertum mit allen Kräften zu bewahren trachteten. 

Einen ganz anderen Typus lutherischer Geistlichkeit vertrat der Wedeler Pastor Johann Rist (1607–1667), der mit seinen literarischen Texten und seiner Aufgeschlossenheit insbesondere für die Naturwissenschaften seiner Zeit für den engen Zusammenhang von Kirche und Gelehrsamkeit steht.

Wichtig für die theologische Landschaft wurde die Gründung der Universität in Kiel im Jahr 1665, an der Christian Kortholt (1633–1694) als einflussreicher Theologe lehrte.

Orte mit religiösen Freiheiten und Querdenkern

Die herzoglichen bzw. königlichen Gründungen Glückstadt (1617), Friedrichstadt (1621) sowie die Verleihung der Stadtrechte an Altona (1664) beruhten auf wirtschaftlichen Interessen, verknüpften diese jedoch mit religiösen Privilegierungen.

Reformierte, Mennoniten, später auch Herrnhuter, Katholiken und Juden genossen an diesen Orten eine relativ große Freiheit zur Ausübung ihrer religiösen Praktiken.

Eine der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 17. Jahrhunderts, die aus Eiderstedt stammende Anna Ovena Hoyer (1584–1655), griff in ihren Werken täuferische und spiritualistische Ideen auf. Sie appellierte an ein Christentum, das nach den Maßstäben des Evangeliums lebte, und griff dementsprechend einfältige und geldgierige Pastoren aufs Schärfste an.

Christian Hoburg (1607–1675) wirkte vor allem durch seine Schriften, in denen er an die Mystik anknüpfte und radikale Veränderungen der in ihren Strukturen behafteten Kirchen forderte. Nachdem er an vielen Orten seine Pfarrstelle verloren hatte, leitete er zuletzt eine mennonitische Gemeinde in Altona.

Der aus Handewitt bei Flensburg stammende Friedrich Breckling (1629–1711) verlor wegen seiner scharfen Kirchen- und Obrigkeitskritik bereits 1660 seine Pfarrstelle und musste aus seiner Heimat fliehen. Von den Niederlanden aus blieb er als Schriftsteller und Netzwerker ungeheuer einflussreich für die Personen und Gruppen, die nach Reformen in den evangelischen Kirchen strebten.

Die ebenfalls stark an der mystischen Tradition ausgerichtete Antoinette Bourignon (1616–1680) versuchte um 1670 auf der Insel Nordstrand eine Lebensgemeinschaft nach urchristlichem Modell zu errichten, scheiterte jedoch an den Widerständen der kirchlichen und staatlichen Obrigkeit.

Pietistische Einflüsse

Während in Hamburg gegen Ende des 17. Jahrhunderts heftige Auseinandersetzungen um den Pietismus ausgefochten wurden, zeigten sich in den Herzogtümern – bis auf Altona –  nur wenige Spuren pietistischer Pastoren und Laien. Dies änderte sich entscheidend, als die dänischen Könige begannen, sich für den Pietismus zu interessieren. Friedrich IV. (1671–1730) orientierte sich an August Hermann Francke (1663–1727) und begründete 1704 die Dänisch-Hallesche Mission, die Missionare in die dänischen Kolonien entsandte.

Parallel dazu erhielten in Halle ausgebildete Theologen in den folgenden Jahren einflussreiche Stellen in den Herzogtümern. Unter seinem Nachfolger Christian VI. (1699–1746) erhielten Herrnhuter Niederlassungsrechte in Oldesloe und 1771 die Erlaubnis zur Gründung des Ortes Christiansfeld im südlichen Jütland. Von hier aus gingen entscheidende Impulse aus.

Die Akzeptanz pietistischer Ideen und Reform gestaltete sich in den Städten und ländlichen Regionen ganz unterschiedlich, sodass nicht von einer einheitlichen Auswirkung des Pietismus für Schleswig-Holstein gesprochen werden kann.

Aufbrüche und Umbrüche

Während der Regierungszeit Christians VII. (1749–1808) nahmen aufklärerische Reformen Gestalt an und beeinflussten auch die Kirche. An der Theologischen Fakultät der Universität Kiel dominierten im 18. Jahrhundert rationalistische Positionen.

Auf das Leben der Kirchengemeinden wirkten sich die Reformen des Gesangbuches und der Agende aus. Johann Andreas Cramer (1723–1788) erarbeitete eine Sammlung aufklärerischer Lieder, die 1780 vom König für den Gebrauch in den Gottesdiensten gebilligt wurde.

Die von Generalsuperintendent Jakob Georg Christian Adler (1756–1834) herausgegebene Gottesdienstordnung, die 1797 für die Durchsetzung einer vernunftbegründeten Theologie in den Herzogtümern sorgen sollte, rief insbesondere bei den Pastoren großen Widerstand hervor. Zu noch größerer Entrüstung führte 1815 die vom Altonaer Pastor Nikolaus Funk (1767–1857) zusammengestellte Bibelausgabe, die den Luthertext mit aufklärerischen Kommentaren und Erläuterungen versah.

Als entschiedener Gegner des theologischen Rationalismus und zugleich als Verfechter eines neuen lutherischen Konfessionalismus trat der Kieler Propst Claus Harms (1778–1815) hervor. Aus Anlass des Reformationsjubiläums veröffentlichte er 1815 unter Rückgriff auf Luther 95 neue Thesen, die die Kirche und Theologie seiner Zeit massiv kritisieren.

Neue Konstellationen

Die kriegerischen Auseinandersetzungen von 1864 bis 1866 zwischen Dänemark, Preußen und Österreich führten dazu, dass Schleswig-Holstein zu einer preußischen Provinz wurde, in der die lutherische Kirche ihre bevorrechtigte Stellung behielt.

Das landesherrliche Kirchenregiment ging vom dänischen auf den preußischen König über. Befürchtungen, dass für die Lutheraner der Herzogtümer die unierten Kirchenstrukturen angewendet werden könnten, wurde durch die Errichtung eines evangelisch-lutherischen Konsistoriums in Kiel begegnet.

1869 wurde eine Gemeinde- und 1871 eine Synodalordnung verabschiedet. Mit diesen Schritten bereitete sich die Kirche auf eine rechtliche Selbständigkeit vor, die nach 1918 in anderer Radikalität umgesetzt wurde.

Kirche im Nationalsozialismus

Die schleswig-holsteinische Bevölkerung und auch die Pastorenschaft gehörten in einem über dem deutschlandweiten Wert liegenden Ausmaß der NSDAP an bzw. wählten diese 1932.

Das im Januar 1933 von Altonaer Pastoren verabschiedete „Altonaer Bekenntnis“ stellte ein Fanal lutherischen Protestes gegen die ideologische Vereinnahmung aller Lebensbereiche durch den Nationalsozialismus dar, basierte aber gleichwohl auf einer im Luthertum verwurzelten Anerkennung der staatlichen Obrigkeit.

Bis Ende 1933 standen an der Spitze der Landeskirche Vertreter der Deutschen Christen: als Bischof Adalbert Paulsen (1889–1974) und als Jurist Christian Kinder (1897–1975), seit 1936 auch Präsident des Landeskirchenamts. Die schleswig-holsteinische Bekenntnisgemeinschaft suchte, obgleich sie eine eigene Vikarsausbildung mit Ordination aufbaute, den Ausgleich mit den offiziellen Vertretern der Kirche.

1935 und 1936 fanden Bekenntnissynoden statt, an denen sich Pastoren und Laien beteiligten. Die zwischen 1935 und 1941 erschienenen „Breklumer Hefte“ sind Zeugnisse der theologischen Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Weltanschauung. Zu diesen Texten gehört auch „Die Kirche und der Jude“ aus der Feder Wilhelm Halfmanns (1896–1964).

Neubeginn oder Wiederanknüpfung an das Überkommene?

Schleswig-Holstein war nach Ende des Krieges nicht so sehr von Zerstörungen gekennzeichnet als vielmehr von den Flüchtlingen, die die Bevölkerung fast verdoppelten. Dies stellte die Kirchengemeinden vor bis dahin nicht gekannte Herausforderungen. Gleichzeitig veränderte sich die konfessionelle Zusammensetzung der Bewohner, sodass der Ökumene eine größere Bedeutung als vorher zukam.

1946 wurde Halfmann als Vertreter der Bekenntnisgemeinschaft zum Bischof von Holstein ernannt, Bischof von Schleswig wurde 1947 Reinhard Wester (1902–1975). Dieser hatte ebenfalls zunächst den DC angehört, sich aber dann der Bekennenden Kirche angeschlossen.

Eine Debatte um die historiographische und theologische Einordnung der Rolle der Bekennenden Kirche und insbesondere Halfmanns entzündete sich an den Veröffentlichungen von Stephan Linck.

Ruth Albrecht

Literatur

Jürgensen, Klaus
Das Altonaer Bekenntnis vom 11. Januar 1933 
Husum 2012 (SVSHKG 56)

Kohlwage, Karl Ludwig u. a. (Hg.)
„Ihr werdet meine Zeugen sein!“
Stimmen zur Bewahrung einer bekenntnisgebundenen Kirche in bedrängender Zeit. Die Breklumer Hefte der ev.-luth. Bekenntnisgemeinschaft in Schleswig-Holstein in den Jahren 1935 bis 1941. Quellen zur Geschichte des Kirchenkampfes in Schleswig-Holstein.
Husum 2018

Verein für Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte (Hg.) 
Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte
Bd. 3–6/1
Neumünster 1982–1998

Lange, Ulrich (Hg.)
Geschichte Schleswig-Holsteins 
Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 2. Aufl.
Neumünster 2003

Linck, Stephan
Der Umgang der Evangelischen Kirche mit der NS-Vergangenheit und ihr Verhältnis zum Judentum
Die Landeskirchen in Nordelbien.
Bd. 1: 1945–1965. Kiel 2013; Bd. 2: 1965–1985. Kiel 2016

Reumann, Klauspeter (Hg.)
Kirche und Nationalsozialismus
Beiträge zur Geschichte des Kirchenkampfes in den evangelischen Landeskirchen Schleswig-Holsteins.
Neumünster 1988 (SVSHKG I.35)