Landeskirche Hamburg

Entstehung des lutherischen Stadtstaates

Reformatorische Einflüsse kamen auf verschiedenen Wegen seit Beginn der 1520er Jahre in den Norden. In der Hansestadt spielten die überregionalen Kontakte der Kaufleute und Händler eine wichtige Rolle.

Endgültig nahm Hamburg 1529 die Reformation als Ordnung für den Stadtstaat und die Kirche an. Johannes Bugenhagen (1458–1558) entwarf auch hier die Kirchenordnung nach bereits bewährtem Muster.

Auf dem Altarbild ist Johannes Bugenhagen zu sehen, der eine öffentliche Beichte abhält. (Ausschnitt vom rechten Fluegel des Reformationsaltars in der Wittenberger Stadtkirche St. Marien von Lucas Cranach dem Aelteren,1472 - 1553.)

Enger Zusammenhang von Stadt und Kirche

Die beiden Männerklöster der Dominikaner und Franziskaner wurden aufgelöst, das Zisterzienserinnenkloster in ein evangelisches Damenstift umgewandelt.

Auf dem Rathausplatz wurde in den Gebäuden des Dominikanerklosters eine Gelehrtenschule für Jungen eingerichtet, das Johanneum.

Die vier Kirchspiele (St. Petri, St. Nikolai, St. Katharinen, St. Jakobi) bildeten bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die grundlegenden Strukturelemente der kirchlichen und der öffentlichen Ordnung.

Mitte des 17. Jahrhunderts kam mit St. Michaelis das fünfte Kirchspiel hinzu. Der Dom bildete seit der Reformation keine regelmäßige Gottesdienststätte. Das Domkapitel, das aus evangelischen Domherren bestand, unterstand wechselnden weltlichen Herrschern bis zu seiner Auflösung durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803.

An den Kirchen und mehreren Kapellen wirkten 28 Theologen, die das Geistliche Ministerium bildeten.

Seit 1593 blieb das Amt des Superintendenten unbesetzt, stattdessen fungierte ein mit wenigen Befugnissen ausgestatteter Senior als Vertreter der Pastoren gegenüber dem Rat der Stadt, der das Kirchenregiment wahrnahm.

Dieses Panorama eines unbekannten Autors 1610 zeigt Hamburg von der Elbseite von Westen. Die Neustadt ist noch nicht in die Stadtbefestigung einbezogen. Die Kirchtuerme von r.nach l.: St. Katharinen (mit runder Kuppel), St. Jakobi, Dom, St. Petri und St. Nikolai. Links die Michelkapelle ausserhalb der Stadtmauern.

Die vier Kirchspiele St. Petri, St. Nikolai, St. Katharinen und St. Jakobi bildeten bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die grundlegenden Strukturelemente der kirchlichen und der öffentlichen Ordnung.

Mitte des 17. Jahrhunderts kam mit St. Michaelis das fünfte Kirchspiel hinzu. Der Dom bildete seit der Reformation keine regelmäßige Gottesdienststätte. Das Domkapitel, das aus evangelischen Domherren bestand, unterstand wechselnden weltlichen Herrschern bis zu seiner Auflösung durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803. An den Kirchen und mehreren Kapellen wirkten 28 Theologen, die das Geistliche Ministerium bildeten.

Seit 1593 blieb das Amt des Superintendenten unbesetzt, stattdessen fungierte ein mit wenigen Befugnissen ausgestatteter Senior als Vertreter der Pastoren gegenüber dem Rat der Stadt, der das Kirchenregiment wahrnahm.

Auseinandersetzungen mit Juden und Reformierten

Durch den 1625 abgeschlossenen festungsartigen Ausbau gelang es Hamburg, während des Dreißigjährigen Krieges seine Neutralität zu wahren und wirtschaftlich aufzublühen.

Am Ende des 17. Jahrhunderts hatte die Stadt ca. 60.000 Einwohner, darunter portugiesische Juden und reformierte Niederländer.

Während die Hamburger Kaufleute an den ausgezeichneten internationalen Handelsverbindungen dieser Zuwanderer interessiert waren, pochte die lutherische Geistlichkeit auf den durch die Reformation besiegelten Bekenntnisstand.

In Eingaben an den Rat, in Predigten und Druckschriften setzten sich die Theologen kritisch mit einer möglichen religiösen bzw. konfessionellen Vielfalt der Einwohnerschaft auseinander. Insbesondere die Juden blieben lange Einschränkungen unterworfen, während Reformierte, Anglikaner und Katholiken einfacher die Erlaubnis erhielten, in ihren privaten Niederlassungen Gottesdienste zu feiern. 

Pietistische Streitigkeiten

Weit über seine Grenzen hinaus wurde Hamburg bekannt wegen der heftigen Auseinandersetzungen, die Befürworter und Gegner der pietistischen Reformbewegung sich lieferten.

Die Konflikte entzündeten sich an der Beurteilung des Besuchs von Opern, dem Abhalten pietistischer Versammlungen, der Konventikel, und an der Abgrenzung gegenüber abweichenden Lehrmeinungen. Letztlich blieb die Hansestadt eine wenig vom Pietismus geprägte Region.

Zentrum der Aufklärung

Die Städte Hamburg und Altona, wiewohl politisch voneinander getrennt, wurden im 18. Jahrhundert zu Zentren aufklärerischer Impulse. Die Pastoren vertraten mehrheitlich bis ins beginnende 19. Jahrhundert rationalistische Positionen, die die Offenbarung mit der Vernunft in Einklang zu bringen versuchten.

Das Akademische Gymnasium

Eine wichtige Rolle spielte dabei das Akademische Gymnasium, das seit 1613 einen erweiterten Zweig des Johanneums bildete und auf ein akademisches Studium vorbereitete. Hier wirkten Theologen und Philosophen, die die geistesgeschichtliche Ausrichtung der Stadt entscheidend mitprägten. Die 1765 entstandene Patriotische Gesellschaft initiierte sozialpolitische Neuerungen wie ein das ganze Stadtgebiet umfassendes System der Armenversorgung, die Allgemeine Armenanstalt.

Fragmentenstreit

Im sogenannten Fragmentenstreit der 1770er Jahre positionierte sich Johann Melchior Goeze (1717–1786), Hauptpastor an St. Katharinen, gegen die Aufklärer Hermann Samuel Reimarus (1694–1768), Lehrer am Akademischen Gymnasium, und Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781).

In diesem literarischen Streit, an dem sich neben den Hauptprotagonisten zahlreiche Gelehrte beteiligten, positionierten sich die Vertreter einer aufgeklärten Bibelkritik erfolgreich gegen das Festhalten an der Verbalinspiration und der historischen Wahrheit der biblischen Schriften.    

Neue Ausdrucksformen der Frömmigkeit

Die Hinwendung zu einem neuen Verständnis von Religiosität bezeichnen Personen wie Matthias Claudius (1740–1815) und Karl Sieveking (1787–1847), die zwar nicht als typische Vertreter der Erweckungsbewegung gelten können, mit deren Vertretern jedoch in Verbindung standen.

Ein relativ kleiner Personenkreis gründete in Hamburg und Umgebung eine Bibelgesellschaft und Missionsvereine, teilweise in engem Kontakt zur Herrnhuter Brüdergemeine und zur Baseler Christentumsgesellschaft.

In diesen Initiativen deutet sich eine Auffassung von Frömmigkeit an, die sich nicht gegen die mit der Obrigkeit eng verflochtene Kirche wendet, von ihr aber nicht mehr die alleinige Verantwortung für die Gestaltung des Glaubens erwartet.

Wirtschaftliches Wachstum und soziale Probleme

Hamburg erlebte im Laufe des späten 19. Jahrhunderts einen wirtschaftlichen Aufschwung, der aber auch zahlreiche soziale Probleme nach sich zog. Die Zahl der Einwohner erreichte eine Million.

Die religiöse Vielfalt veränderte sich, vor allem aus dem angloamerikanischen Bereich beeinflusste Freikirchen und christliche Gruppierungen wie Methodisten, Baptisten, die Heilsarmee sowie Gruppen der Gemeinschafts- und Heiligungsbewegung fanden Zulauf.

Wegen der fortgeschrittenen Industrialisierung vor allem durch den Hafen, die Zunahme der Bevölkerung und die Verelendung großer Teile der unteren Schichten fielen die Anregungen zur Inneren Mission, die von Johann Hinrich Wichern (1808–1881) ausgingen, auf fruchtbaren Boden.

So wurde in der Hansestadt das aus England stammende Modell der Sonntagsschule aufgenommen, 1825 fanden im Stadtteil St. Georg die ersten Unterrichtsstunden statt.

Amalie Sieveking (1794–1859), Elise Averdieck (1808–1907) und etwas später Bertha Keyser (1868–1964) gehören zu den Frauen, die neue Wege der sozialen und diakonischen Arbeit gingen.

Die zunehmende Anzahl der Einwohnerschaft und die Vergrößerung der städtischen Gebiete führten in einem langwierigen Prozess zur Gründung neuer Kirchen und Gemeinden.

Allmähliche Trennung von Kirche und Stadt

Die während der napoleonischen Besatzung aufgezwungenen Modernisierungen wurden nach der Befreiung zwar größtenteils rückgängig gemacht, zeitigten jedoch längerfristig ihre Folgen.

Die Gleichstellung der anderen Konfessionen und Religionen mit den Lutheranern schlug sich in der Verfassung von 1860 deutlich nieder. 1871 gab sich die lutherische Kirche eine eigene Verfassung, 1919 endeten die letzten Formen der engen Verflechtung zwischen den Organen der Stadt und der lutherischen Kirche.

Kirchenkampf

Liberale kirchliche Strömungen gerieten in den 1920er Jahren zunehmend unter Druck. Bereits unter dem Einfluss einer völkisch-nationalen Ausrichtung wurde 1933 der Hauptpastor an St. Michaelis, Simon Schöffel (1880–1959), zum ersten Bischof der lutherischen Kirche Hamburgs gewählt.

Unter dem Druck der Nationalsozialisten musste er sein Amt 1934 an Franz Tügel (1888–1946), Hauptpastor an St. Jakobi und DC-Mitglied, abgeben. Unter den Theologen und Gemeindegliedern fanden die DC große Zustimmung, nur wenige orientierten sich an der Bekennenden Kirche. Diese Personen verbanden sich zur „Bekenntnisgemeinschaft Hamburg“, die aber in Hamburg keine große Wirkung erzielte.  

Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit

Die großflächigen Bombardierungen Hamburgs durch die Alliierten in der „Operation Gomorrha“ mit Hunderttausenden Verletzten und etwa 40.000 Toten hatten auch einschneidende Auswirkungen auf die Kirchen. Sie verloren viele ihrer Mitglieder sowie zahlreiche kirchliche Gebäude. Flüchtlinge trugen an vielen Stellen zur Gestaltung des Neubeginns bei.

1946 ging das Bischofsamt wieder an Schöffel zurück und damit an einen konservativen Vertreter des Luthertums. Die von den Nationalsozialisten durchgesetzte Gebietsreform, das Groß-Hamburg-Gesetz von 1937, wurde von den Kirchen nicht nachvollzogen, sodass die Kirchengemeinden im Gebiet des Stadtstaates bis zur Gründung der Nordelbischen Kirche unterschiedliche Kirchenzugehörigkeiten hatten. Die Entstehung einer Theologischen Fakultät zum Wintersemester 1954/55 an der 1919 gegründeten Universität Hamburg markierte die Hoffnungen der Nachkriegsgeneration, dass Kirche und Theologie einen wichtigen Beitrag zum Wiederaufbau leisten.

Kirche in der multireligiösen Großstadt

Während in den 1950er und -60er Jahren weithin das Paradigma einer Fortsetzung der Vorkriegsverhältnisse verfolgt wurde, stellten die demografischen und sozialen Veränderungen die Kirche zunehmend vor bis dahin nicht gekannte Herausforderungen. Sie musste sich darauf einstellen, sich in einer multikulturellen und multireligiösen Umwelt verständlich machen. Während die Einwohnerzahlen der Stadt wuchsen, gingen die Zahlen der Kirchenmitglieder zurück.

Als Maria Jepsen 1992 in Hamburg zur weltweit ersten lutherischen Bischöfin gewählt wurde, war dies bereits ein Teil der nordelbischen Kirchengeschichte – jedoch für die Stadt von großer symbolischer Bedeutung.

Ruth Albrecht

Literatur

Hering, Rainer / Maria Jepsen u.a. (Hg.)
Reformation und konfessionelles Zeitalter
Hamburgische Kirchengeschichte in Aufsätzen. Teil 2.
Hamburg 2004 (Arbeiten zur Kirchengeschichte Hamburgs 22)

Hering, Rainer (Hg.)
Kirchliche Zeitgeschichte (20. Jahrhundert)
Hamburgische Kirchengeschichte in Aufsätzen. Teil 5.
Hamburg 2008 (Arbeiten zur Kirchengeschichte Hamburgs 26)

Lübbers, Isa / Martin Rössler u.a. (Hg.)
Säkularisierung – ein weltgeschichtlicher Prozess in Hamburg 
Staat und Kirchen von Napoleon bis zum Reformationsjubiläum (2017).
Frankfurt a.M. 2017

Mager, Inge (Hg.)
Das 19. Jahrhundert
Hamburgische Kirchengeschichte in Aufsätzen. Teil 4.
Hamburg 20013 (Arbeiten zur Kirchengeschichte Hamburgs 27)

Steiger, Johann Anselm (Hg.)
500 Jahre Theologie in Hamburg 
Hamburg als Zentrum christlicher Theologie und Kultur zwischen Tradition und Zukunft.
Berlin 2005 (Arbeiten zur Kirchengeschichte 95)

Strübel, Lisa
Continuity and Change in City Protestantism 
The Lutheran Church in Hamburg, 1945–1965.
Hamburg 2005 (Arbeiten zur Kirchengeschichte Hamburgs 23)