Das Christentum im Gebiet der Nordkirche

Überblick

Aus dem frühen Mittelalter, etwa der Zeit um 600, stammen die ersten Zeugnisse christlicher Frömmigkeit im Norden. Der folgende Text informiert zunächst kurz über den Beginn christlichen Lebens bis zum 16. Jahrhundert:
Christentum im Mittelalter

Mit der Reformation entstehen auf dem Gebiet der heutigen Nordkirche mehrere evangelische Landeskirchen. Auf diese Kirchen gehen wir ausführlicher ein, sodass Sie über die Entwicklungen Näheres erfahren:
Eutin, Hamburg, Lübeck, Mecklenburg, Pommern und Schleswig-Holstein

Vier dieser bis dahin selbständigen Kirchen schlossen sich 1977 zusammen:
Nordelbische Kirche

Bei der Entstehung der Nordkirche 2012 fusionierten die Mecklenburgische, die Nordelbische und die Pommersche Kirche: 
Nordkirche

Das Christentum im Mittelalter

Die Geschichte des Christentums auf dem Gebiet der Nordkirche beginnt im Siedlungsgebiet der heutigen Stadt Hamburg (Hammaburg).

Die Christianisierung des Nordens ist seit ca. 600 nachweisbar, die schriftlichen Quellen hingegen beginnen erst im 9. Jahrhundert.

Ansgar und die frühe Ausbreitung des Christentums

Der Mönch und Bischof Ansgar (801–865) gilt als eine der wichtigsten Personen der frühen Kirchenorganisation, die sich bis nach Skandinavien erstreckte.

Die Christianisierung der Slawen in Ostholstein, Sachsen-Lauenburg, Mecklenburg und Pommern erlebte, wie die sog. Slawenaufstände zeigen, wiederholt gravierende Rückschläge.

Um 1060 plante Erzbischof Adalbert von Bremen († 1072) mit Unterstützung des Obotritenfürsten Gottschalk († 1066) ein Patriarchat des Nordens mit zwölf Bistümern, darunter Oldenburg (Holstein) und Mecklenburg (heute Dorf Mecklenburg).

Doch alle Ansätze einer Kirchenorganisation wurden durch den sog. „großen Wendenaufstand“ von 1066 gegen Gottschalk zunichtegemacht.

Die „Slawenchronik“ des Priesters Helmold von Bosau († nach 1177) bildet eine der wichtigsten Quellen für die Geschichte der Übernahme des christlichen Glaubens durch die slawischen Herrscher und damit sowohl die Christianisierung des Nordens. 

Dauerhafte Verbreitung des Christentums

Erst durch die Kriegszüge Heinrichs des Löwen (1129/30–1195) und die Kolonisierung durch niederdeutsche Siedler gelang seit dem 12. Jahrhundert die dauerhafte Christianisierung. Nach den Missionsreisen Otto von Bambergs 1124/28 entwickelte sich das Christentum auch in den östlichen Gebieten.

Im Zuge der politischen Veränderungen wurden die Städte Lübeck und Hamburg sowie die Herzogtümer Pommern, Mecklenburg, Schleswig und Holstein zu den bestimmenden Größen des Gebietes zwischen dem heutigen Niedersachsen, der Mark Brandenburg, Dänemark und Polen.

Bischofsitze und damit Zentren der kirchlichen Organisation und des kirchlichen Lebens befanden sich in Schleswig (seit 948), Wollin/Cammin (seit 1140), Ratzeburg (seit 1154), Lübeck (seit 1160) und Schwerin (seit 1160); in Hamburg residierte nur das Stiftskollegium, da sich der Sitz des Erzbischofs seit der Mitte des 9. Jahrhunderts in Bremen befand.

Mittelalterliche Frömmigkeitspraktiken

Während des Mittelalters entwickelte sich das kirchliche Leben in Gemeinden sowie in vielen Frauen- und Männerklöstern. Im 12. Jahrhundert bildete sich in Schleswig und Holstein die Pfarrorganisation aus, Mecklenburg und Pommern folgten siedlungsbedingt um einige Jahrzehnte zeitversetzt.

Bedeutende Klostergründungen der Benediktiner in Cismar und Stolpe/Peene sowie der Reformorden der Zisterzienser in Reinfeld, Althof/Doberan, Dargun, Bergen auf Rügen, Hilda/Eldena und Neuenkamp/Franzburg sowie der Prämonstratenser in Ratzeburg, Broda, Kolbatz, Gramzow und Belbuck trugen zur Vertiefung des Christentums bei.

Auch die Hospital- und Ritterorden gründeten seit dem 11. Jahrhundert Konvente. Testamente und Stiftungen sorgten für ein Aufblühen der norddeutschen Sakralarchitektur und des christlichen Kunstmarktes.

Die Bedeutung der Städte

In den Städten belebten seit dem 13. und 14. Jahrhundert zahlreiche Bettelordensklöster die Bildung und das religiöse Leben. Franziskaner und Dominikaner prägten durch den Stil ihrer Gotteshäuser und ihre Predigttätigkeit in den städtischen Siedlungen spätmittelalterliche Reformideen.

1419 wurde in Rostock die erste Universität des Nordens gegründet, die Theologische Fakultät entstand allerdings erst 1432.

Im Jahr 1456 folgte mit Greifswald die zweite Universität im Ostseeraum. Die verstärkte Laienfrömmigkeit gegen Ende des Mittelalters fand ihren Niederschlag in zahlreichen Beginenhäusern sowie Konventen der Devotio moderna.

1471 ließen sich die Brüder vom gemeinsamen Leben in Rostock nieder, während in Lübeck und Plön bedeutende Süsterhäuser entstanden.

Spätmittelalter

Wie in allen anderen Regionen Deutschlands intensivierten sich vielfältige Frömmigkeitsformen im Jahrhundert vor der Ausbreitung der Reformation.

Auch für den Norden lassen sich etliche Pilgerwege nachweisen, die von Norden und Osten kommend zumeist nach Santiago de Compostela führten und gleichzeitig ein regionales Netz von Wallfahrtsorten zusammenbanden.

Eine übersteigerte Hostienfrömmigkeit – vermischt mit weiteren theologischen wie soziologischen Einflüssen – führte an verschiedenen Orten zu Judenpogromen (Güstrow 1330, Sternberg 1492) und zur Entstehung stark frequentierter Heilig-Blut-Wallfahrten.

Ruth Albrecht und Johann Peter Wurm

Literatur

Auge, Oliver / Katja Hillebrand
Klöster in Schleswig-Holstein. Von den Anfängen bis zur Reformation 
Kiel / Hamburg 2017

Bünz, Enno / Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt (Hg.)
Klerus, Kirche und Frömmigkeit im spätmittelalterlichen Schleswig-Holstein 
Neumünster 2006

Hering, Rainer u.a. (Hg.)
Von der Christianisierung bis zur Vorreformation 
Hamburgische Kirchengeschichte in Aufsätzen, Teil 1
Hamburg 2003

Landeszentrale für politische Bildung (Hg.)
Historischer und geographischer Atlas von Mecklenburg und Pommern 
Bd. 2: Mecklenburg und Pommern. Das Land im Überblick.
Schwerin 1995

Huschner, Wolfgang u.a. (Hg.)
Mecklenburgisches Klosterbuch
Handbuch der Klöster, Stifte, Kommenden und Prioreien (10./11.–16. Jahrhundert).
Rostock 2016

Schmaltz, Karl
Kirchengeschichte Mecklenburgs
Bd. 1: Das Mittelalter.
Schwerin 1935

Staats, Reinhard / Günter Weitling
Ansgar in Haithabu. Anfänge des Christentums in Nordeuropa 
Kiel 2016